Der Tannenbaum am Stueck
"Der Tannenbaum" am Stück erzählt von Reinhold M. Haas frei nach Hans-Christian Andersen.
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Der Tannenbaum
Denn da stand er nun, der kleine Baum mit den Nadeln an jedem Zweig. Er fuehlte sich recht wohl, da wo er stand. Hell genug war es, Platz war ebenfalls reichlich vorhanden und die grossen Tannenbaeume ud Fichten ringsum gaben ihm ein Gefuehl von Geborgenheit. Und deshalb wollte er so schnell wie moeglich so gross werden wie alle anderen.
Wisst ihr eigentlich, dass ein Tannenbaum, wie er zu Weihnachten verkauft wird, schon acht bis zwoelf Jahre auf der Rinde hat? Und dass allein in Deutschland ueber 25 Millionen davon an Weihnachten verkauft werden? Unser Baeumchen ahnte auch nichts davon, als die Kinder auf der Suche nach Beeren bei ihm rasteten und meinten, er waere ein niedliches, kleines Baeumchen. Denn was er da hoerte gefiel ihm gar nicht!
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Er sehnte sich danach, ueber die Anderen hinweg blicken zu koennen und dass Voegel in seinen Zweigen nisteten. Das tun die wirklich gerne, wie ich an dem Baum vor unserem Haus jedes Jahr sehen kann. Weil er jedoch noch so klein war und solch grosse Sehnsucht hatte, sah er gar nicht mehr, wie schoen der Sonnenschein ihn waermte, die Voegel zwitscherten und die Wolken ueber ihn hinwegzogen. Ach, was war er doch noch so klein - so klitzeklein!
Im Winter wurde er vom Schnee fast voellig zugedeckt. Ein Haa^h^haeschen kam haeufig bei ihm vorbei und sprang einfach ueber ihn weg. Ach was war das kleine Baeumchen traurig!
Doch im Jahr darauf musste das Haeschen schon um ihn herumlaufen! Und der Baum sehnte sich deshalb noch viel mehr, gross und alt zu werden. Nichts schoeneres konnte er sich auf dieser Welt vorstellen. Naja, so viel von der Welt hatte er ja auch zugegebenermassen noch nicht gesehen. Und ob er das je schaffen sollte? Wir werden sehen...
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Aber unser Baeumchen war auch neugierig und wollte wissen, was mit den gefaellten Baeumen passierte. Als es waermer wurde und die Zugvoegel zurueckkamen, fragte es sie: "Also hosche se mal! Koenne se mir net saache was mit denne Baeum do passiere tut? Habt ihr se net irschendwo g'sehe?"
Die Schwalben konnten ihm nicht helfen, aber der Storch meinte: "I glaab scho, dass i sie gsaeng hob. Aufm Meer, do fohrn Schiff rum und do staen grossa stolza Baam drauf, wu die Segl drohaenga. Noch Tanna do hom sie scho grochn. Und schoe worn sie und stolz." Und das Baeumchen hoerte es und hatte gar keine Angst mehr vor den Maennern mit den Aexten. Im Gegenteil, jetzt konnte er es gar nicht mehr erwarten, dass wieder Herbst wurde.
Was dann wohl mit dem Baeumchen passiert?
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Und das Baeumchen war wieder neugierig und wollte wissen, welches Schicksal seine Gefaehrten wohl erwartete. Es fragte wieder die Voegel und die Meisen gaben ihn die Antwort: "Dat kenne mer, dat kenne mer! Do unge in der Stadt han mer in die Finster jelurt. Do stunde die un wore jeschmueck. Un schoen wore die! Midden in der Stuv stonde se und schoene Saache hinge dran an dene. Aeppele us Jold, Koche us Honnich, Saache zum Speele und janz vill Kaeze!" "Und was is dann gschehe?" fragte das Baeumchen. Doch das wussten die Meisen nicht.
Und ihr koennt euch ja denken, dass das Baeumchen jetzt keine Lust mehr auf See und Schifffahrt hatte, sondern lieber auch so ein praechtiger Baum werden wollte. Das ganze Jahr ueber wartete er auf die Zeit vor Weihnachten und wollte auch als so ein schmucker Baum in einem Haus in der Stadt stehen. Ob er das wohl geschafft hat?
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Auch in diesem Jahr versuchten Sonne und Wind dem Baeumchen zu zeigen, dass das Leben hier im Wald das schoenste sei, was sich das Baeumchen wuenschen koenne, aber das Sehnen des Baeumchens war nicht zu bezaehmen. Und das gute Wetter bewirkte, dass er zu einem besonders schoenen Baeumchen heranwuchs.
Und im Winter kamen die Leute, sahen ihn und bewundefrten ihn. Stolz zeigte er sich ihnen von seiner besten Seite. Und wirklich: er war der erste Baum, der in diesem Jahr geschlagen wurde. Obwohl er brutal mit der Axt gefaellt wurde, spuerte er keine Schmerz sondern freute sich nur noch auf sein kuenftiges Leben. Eine Ohnmacht umfing ihn und er bemerkte nichts vom ungemuetlichen Abtransport durch den Pferdewagen.
Erst als er in einem Hof abgeladen wurde, am er wieder zu sich und konnte sein Glueck kaum fassen: er war in der Stadt!
Aber ob er dort wirklich guecklich geworden ist?
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Und zwei Diener in Livree kamen und trugen den Baum in ein grosses Haus und stellten ihn dort in einen grossen Salon. Schoen war diese Umgebung fuer unseren Baum: Bilder an den Waenden, bunte Vasen auf den Tischen und ein Kachelofen an der Wand verbretete eine sommerliche Waerme. Man stellte den Baum in ein Fass mit Sand, damit er ncht umfiel und viele Diener und Dienstmaedchen schmueckten ihn mit vielen bunten Sachen.
Der Baum muss ja dann aehnlich ausgesehen haben, wie unser Christbaum in diesem Jahr: Aepfel, Nuesse und bunte Holzfiguerchen an den Zweigen. Allerdings haben wir keine Suessigkeiten an daran haengen, wie unser Baum im Maerchen. Aber er wurde auch mit vielen Lichtern geschmueckt, so dass er sch nicht nur als das Schoenste im Salon fuehlte, sondern das auch wirklich war! Kein Wunder bei dem funkelnden Stern, den man an seiner Spitze angebracht hatte.
Ach was war unser Baum froh und gluecklich! Ob das auch so blieb?
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Er fing an zu traeumen: alle Voegel mussten ans Fenster kommen, um ihn zu sehen! Selbst die Baeume aus dem Wald mussten erfahren, welch ein praechtiger Baum er geworden war! Er wuerde im Lichterglanz strahlen wie noch nie ein Baum vor ihm! Er wuerde an seinem Platz festwachsen und Sommer und Winter Freude verbreiten! Ach was war das Leben doch schoen! Er hatte das beste Los von allem Baeumen auf der ganzen Welt getroffen!
Fast schmerzte ihm seine Rinde vor Sehsucht, dass es endlich Abend werde. "Heilig Abend", wie die Menschen sagten. Und dann war es soweit: die Kerzen wurden angezuendet. Ein Schauer der Verzueckung ging durch seine Zweige. er konnte ein leichtes Zittern seiner Zweige nicht unterdruecken. Doch das haette er besser getan! Eine Kerze kam viel zu nahe an einen seiner Zweige. Aua! Das tat weh! Der Zweig schmerzte! Er brannte! Ach, was schmerzte das! Die Leute rannten, holten Wasser und loeschten das Feuer. War das das Ende?
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"Was mache die denn do?" fragte sich der Baum. Die Menschen tanzten um den Baum herum, sangen Lieder und pflueckten nach und nach die Geschenke und Leckereien von den Zweigen. Das muessen aber kleine Paeckchen gewesen sein. Wahrscheinlich solche, die die Frauen so sehr lieben. Und die Kerzen brantten nieder und erloschen nach und nach. Ein Glueck, dass der Baum mit der Spitze an der Decke festgebunden worden war, sonst waere er wohl umgefallen.
Bald war das Treiben zu Ende und der Baum stellte sich vor, was er am naechsten Tag besser machen wuerde, damit seine Zweige nicht wieder anbrennen wuerden. Er konnte die Nacht ueber kaum schlafen in Erwartung auf den neuen Tag, das Schmuecken und die Freude der Kinder. Er schwor sich, morgen ein besonders schoener Baum zu sein.
Was wohl am naechsten Morgen mit dem Baum geschah?
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Doch oh weh! Die Menschen schniten ihn los und trugen ihn aus dem Zimmer auf den Speicher und stellten ihn dort in einer dunklen Ecke ab. "Ei wos is denn des?" fragte sich der Baum. "Wos soll ich denn do herobbe?" Doch keiner konnte ihm eine Antwort geben, denn keiner war da. Nicht heute, nicht morgen, die ganze Woche und einen ganzen Monat nicht. Ganz traurig und allleine musste der Baum in seiner dunklen Ecke stehen.
"Des werd scho sein Grund ham. Schneie tuts jetz drausse. Und die Erd is hatt. Wenns waermer werd, pflanze mich die Leut scho wieder in die Erd." Solche Gedanken gingen dem Baum durch den Stamm und er glaubte dara, dass ihn die Menschen nur deshalb nicht nach draussen brachten, weil es noch viel zu kalt sei. Aber die Einsamkeit machte ihm schwer zu schaffen. Ach, wie sehnte sich der Baum nach dem kleinen Haeschen, das ihn frueher immer besucht hatte.
"Piep, piep" hoerte da der Baum. Und ein paar kleine Maeuschen kamen, besahen sich den Baum und schluepften zwischen seine Zweige. "Janz kalt isset drusse," sagten Sie zu ihm. "Aevver suens jeit et, ahle Tanneboom."
"Ald? Isch ben doch net ald", wehrte der Baum ab. "Annere sin noch viel aelder wie ich."
Und wie es dem Baum wohl weiter ergeht?
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Das kannte der Baum nicht. Er sehnte sich nach dem Wald, der Sonne und dem Wind. Und er erzaehlte den Maeuschen von seiner Jugend zwischen den anderen Baeumen und sie meinten: "Da haeste aevver Jloeck jehaat! Vill Jloeck! Dat muss jo herrlisch jewaes sin!"
Da merkte der Baum, dass er wirklich sehr gluecklich gewesen war, solange ihn die Sehnsucht nicht gepackt hatte. Und dann erzaehlte er den Maeuschen von Weihnachten, seinem Glanz und den vielen Menschen, in deren Mitte ergewesen war. Und sie meinten: "Du bess jo su jloecklick jewaes, du aale Boom! Dat moete mer och mol sin!"
"Ich bin net ald! Ich bin im beste Alder! Escht dis Johr habbe se mich aus dem Wald gehol!"
"Wat kannste schee Kamelle verzelle!" meinten die Maeuschen und kamen am naechsten Abend wieder. Und der Baum erzaehlte ein Maerchen, das am Weihnachtsabend in dem grossen Zimmer ezaehlt worden war. Doch den Maeuschen war das die naechsten Tage zu langweilig und sie blieben weg.
Der Baum trug es mit Fassung und dachte daran, dass es ja nicht mehr lange dauern konnte, bis die Leute ihn wieder in das Zimmer holten und ihn erneut schmueckten. Und davon traeumte er und war mit sich und der Welt zufrieden.
Und wirklich: eines Tage kamen Leute, die ihn aus der Ecke zerrten und die Treppe hinuntertrugen. Ob er nun wieder so schoen geschmueckt wurde?
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Doch schon kamen Kinder, rissen den Goldstern ab und verspotteten den vertrockneten Baum. "Wech! All is wech! All is vorbei!" dachte der Baum und trauerte der schoenen Zeit im Wald nach. Ach waere er doch dort zufrieden gewesen und heute noch zwischen seinen Kameraden stehen in der Sonne und wachsen und wachsen in den Himmel hinein.
Doch da kam ein Diener mit einer Axt und schlug den Baum in viele kleine Stuecke. Diese wurden zum Anfeuern eines Kesseln genommen und jedes Teil seufzte beim Kontakt mit den Flammen und jeder Seufzer hoerte sich wie ein kleiner Schuss an. Noch einmal dachte der Baum an den Wald und den Weihnachtstag zurueck und dann war es mit ihm vorbei: der Baum war verbrannt.
Und die Kinder hatten den Goldstern an die Brust geheftet und spielten im Garten. Den Stern, den der Baum an seinem choensten Abend getragen hatte. Doch das war vorbei. Der Baum war vorbei und dieses Maerchen ist jetzt auch vorbei!


